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Kräuterpädagogik trifft Botanik | Ein Interview mit Bernhard Gutmann

Aktualisiert: 22. März 2023

Kräuterpädagogik und Botanik sind untrennbar miteinander verbunden. Diese Nähe wirft manchmal spannende Fragen auf! Bernhard Gutmann hat sich diesen gestellt!


Bernhard, bitte gib uns einen kurzen Einblick in deinen beruflichen Werdegang.


Nach dem Studium der Biologie (Studienzweig Botanik) an der Karl-Franzens-Univerität in Graz hab ich sukzessive den Weg in die Selbständigkeit beschritten: mit Kräuterwanderungen, Seminaren, Vorträgen, als Saatgut-Erhalter im Arche-Noah-Netzwerk gepaart mit Jungpflanzen-Anzucht und Verkauf bis ich schließlich als Referent bei der Vitalakademie gelandet bin, wo ich nun die Lehrgangsleitung für die Kräuterpädagogik-Kurse in Graz innehabe und auch in Kärnten unterrichte. Dies hat mir auch ermöglicht, meine eigenen Angebote in der Erwachsenenbildung auszubauen.


Wie würdest du dein Spezialgebiet definieren und bei welchem botanischen Thema geht dein Herz auf?


Die Botanik ist ja ein weites Feld, ich komme eigentlich aus dem Bereich der Pflanzen-Systematik, bin also ein "klassischer" Wald-und-Wiesen-Biologe, der Pflanzen zu erkennen und zu bestimmen weiß und auch regelmäßig mit gezückter Lupe auf allen Vieren in der Natur gesichtet wird. Mein Beruf ist zugleich Leidenschaft und Passion, jede Erstbegegnung mit einer Pflanzenart erzeugt Glücksgefühle. Persönlich hat es mir besonders die pannonische Flora angetan und im Gebirge gibt es natürlich auch noch vieles für mich zu entdecken. Dass ich in der Erwachsenenbildung gelandet bin, ist ein Geschenk, denn im Seminarsaal oder noch besser in der Natur bei den Exkursionen mein Wissen und meine Faszination weitergeben zu dürfen ist die reinste Freude. Ein Kernpunkt dabei, nämlich den Menschen die Wildpflanzen als ungemein wertvolle Ressource zu offenbaren, ist zutiefst sinnerfüllt und bedient auch den Idealisten in mir.



Du hast einen, für Wissenschaftler, unüblichen und erstaunlich offenen Zugang zu den metaphysischen Gebieten der Kräuter. Wie kommt’s?


Ein momentan in der Medienlandschaft sehr brisantes Thema, bei dem man sich mittlerweile schnell mit Polemik und Diffamierung konfrontiert sieht. Die Naturwissenschaft wird immer meine Basis sein, die stetig mit neuem Wissen gefüttert wird.


Wenn man sehr viel Zeit in der Natur verbringt, beginnt man aber auch andere Zugänge zur Pflanzenwelt und der Natur im Ganzen zu erfahren. Für mich hat das sehr viel mit Liebe, Respekt und Dankbarkeit den Pflanzen gegenüber zu tun.

Ob ich nun mit einem Pflanzengeist interagiere, oder die Pflanze ein Projektionsfeld für mein Unbewusstes darstellt, ist für mich nicht vorrangig wichtig, denn beides bringt Erkenntnis.


Die momentanen Zustände auf unserem Planeten sind, gelinde gesagt, katastrophal. Der Klimawandel und seine Folgen, die knapper werdenden Ressourcen, das weltweite Tier- und Artensterben, Überbevölkerung etc. - Wie gehst du persönlich mit diesen Dingen um und inwiefern stehst du als Botaniker und wir als Kräuterpädagogen in der Verantwortung?


In unserem Beruf musst du dir diesbezüglich Strategien zurechtlegen, um gegen negative Gemütszustände gewappnet zu sein. Die ÖkologInnen sind da am ärmsten. Tröstlich ist immer die Gewissheit, dass die Natur alles überstehen wird, auch so eine Großkatastrophe wie den Homo sapiens. Solange wir uns nicht wieder als Teil der Natur begreifen, sind jegliche Bestrebungen eine globale Katastrophe abzuwenden oder abzuschwächen, nicht zielführend.



Eine wichtige Aufgabe für uns ist es, den Menschen die Vielfalt und die ökologischen Zusammenhänge in der Natur zu vermitteln. Wenn dann die Menschen diese für sie neue Wahrnehmung der Natur erleben und die allgegenwärtige Verbundenheit spürbar wird, ändert sich auch das Bewusstsein. Es ist alles da und erfahrbar.



Wirkt sich diese Haltung auf deinen Unterricht aus?


Wenn die Begeisterung und die Faszination der Vortragenden für die Natur auf die Menschen überspringt, haben alle gewonnen. Das kann man nicht lernen, man muss es nur zulassen.



Als jemand, der erst auf seinem 2. Bildungsweg zur Botanik gestoßen ist, erkenne ich mit jedem Tag mehr, dass ich nichts weiß…hört das dann auch mal auf?


So etwa nach 20 Jahren Intensivstudium spürt man einen Hauch von Sicherheit... nein, im Ernst: es ist gut, dass es nie ganz aufhört, und wenn das Wissen wächst und durch Erfahrung verinnerlicht wird, transformiert es sich in etwas Positives, das ebenso fasziniert wie amüsiert. Auch hier ist der Weg das Ziel, man muss sich nur in Bewegung setzen.




Gerade wir zwei haben schon öfter darüber diskutiert, dass man als Kräuterpädagoge eine solide botanische Wissensbasis braucht. Gleichzeitig zeigt die Praxis, dass die meisten Workshop-Teilnehmer bereits nach kurzer Zeit an ihre Aufnahmegrenze stoßen. Brich doch mal eine Lanze für die Botanik und erkläre den angehenden Kräuterpädagog*innen da draußen, weswegen die Botanik für uns SO wichtig ist!


Alle, die Wildpflanzen als Nahrung und Heilmittel nutzen, erleichtern sich mit botanischem Grundwissen nicht nur das Bestimmen von Pflanzenarten, sondern es eröffnet sich vor allemeine neue faszinierende Welt. Unter der Lupe offenbart jede Pflanze einen Mikrokosmos, der mit bloßem Auge nicht wahrgenommen werden kann.


Bestimmungs-Apps sind vielleicht am Anfang ein probates Hilfswerkzeug, um angesichts der unglaublichen Vielfalt das Gefühl einer Überforderung zu lindern und Erfolgserlebnisse zu generieren, lernen wird man allerdings mit dieser Methode wenig.

Die Botanik ordnet, bringt Übersicht und lässt uns das Lebewesen Pflanze besser verstehen. Auch wenn es für manche Menschen ein Kraftakt ist, der Wissenserwerb zahlt sich aus, und ich finde es auch nicht übertrieben, wenn wir bei jenen Lebewesen, ohne die wir auf diesem Planeten nicht lebensfähig wären, etwas in die Tiefe gehen.



Für Kräuterpädagogen ist es oft ein unglaublich tolles Gefühl ein richtig altes oder gar historisches Buch in Händen zu halten und darüber zu staunen, was man damals schon alles wusste. Gleichzeitig beschäftigen sich immer mehr Forscher mit den Eigenschaften der seit Jahrhunderten verwendeten Heilpflanzen und kommen zu, zum Teil, überraschenden neuen Erkenntnissen. Nicht selten werden damit Jahrhunderte alte Behauptungen entkräftet oder sogar für falsch oder sinnlos erklärt.

Hast du einen Tipp wie man als Kräuterpädagog*in mit diesem Spagat umgehen soll?


Zum Glück gibt es WissenschaftlerInnen, die sich der Verifizierung dieses Wissens widmen, aber natürlich wirken sich hier wie überall wirtschaftliche Interessen als Hemmschuh aus. Die Verbindung von überliefertem Wissen und evidenzbasierter moderner Wissenschaft sollte man als eine große Bereicherung sehen. Der Vergleich dieser Quellen mit dem momentanen Wissensstand bestätigt in meiner Wahrnehmung vieles und gelingt oft im Zuge einer persönlichen Recherche. Man muss nur die richtigen Quellen nutzen und versuchen, den Überblick zu wahren.





Die aktuelle Kräuterausbildung bei der Vitalakademie gibt ein solides Grundverständnis mit auf den Weg. Gleichsam taucht nach der Ausbildung die Frage auf: Wo bekomme ich mein nächstes Wissen her. Viele Kräuterblogs im Internet haben sich auf Kräuter-Einsteiger spezialisiert. Was wäre deiner Meinung nach eine sinnvolle Ergänzung zur Ausbildung?


Da sind wir zum Beispiel neben der Vermittlung von Grundkenntnissen bei einer der Kernthemen, was meine Lehrtätigkeit als Botaniker betrifft. Am Anfang steht die Bestimmung der Pflanzenart, da führt kein Weg daran vorbei. Als Profi ist es dir möglich, bei vielen Pflanzen auf die wirklich relevanten Bestimmungsmerkmale hinzuweisen und so die Bestimmung der Art "abzukürzen" und zu vereinfachen. Geht man als Kräuterpädagog*in in die praktische Verwendung von Wildpflanzen, so ist ein solides Grundwissen in puncto Inhaltsstoffe gepaart mit der stetig wachsenden Erfahrung in der Anwendung und auch dem Erfahrungsaustausch untereinander unbezahlbar.


Wie gesagt muss Wissen genährt werden, um es zu verinnerlichen, und wenn man da am Ball bleibt, wird auch das Verstehen und das Abspeichern immer leichter.

Erfreulicherweise merke ich, dass diesbezügliche Angebote für Fortgeschrittene immer mehr gefragt sind. Seien es nun Exkursionen oder Workshops, das Lernen und Staunen in der sinnlich erfahrbaren Natur ist durch nichts zu ersetzen.



Zur Person: Mag. Bernhard Gutmann

Geb. 9.6.69

Meine relevanten Ausbildungen: - Studium Biologie (Botanik) - Ausbildung Arche-Noah-Samengärtner


Website:


Meine relevanten Tätigkeiten: - Lehrgangsleitung und Referent im Bereich Kräuterpädagogik bei der Vitalakademie Österreich.

- Wildkräuterexkursionen, Workshops und Seminare zum Thema Wildpflanzen. (Schwerpunkt: Fortgeschrittene)

- Wissensvermittlung und Projekte in den Bereichen 'Naturnahes Gärtnern' und 'Samengärtnerei'

Warum ich in der Erwachsenenbildung unterrichte: Mir ist es ein besonderes Anliegen, Menschen wieder zu den natürlichen Quellen zu führen und ihnen sowohl die Fülle an heimischen „Wunderpflanzen“, als auch die ökologischen Zusammenhänge in der Natur näherzubringen.

Wer bin ich? Naturmensch und Idealist




Interview: Mike Shane


 


Wichtiger Hinweis | Disclaimer


Die Beschreibung der Kräuter und Gewürze stammt aus alten Überlieferungen und der traditionellen Volkskunde, sie sollen als Ergänzungen zur Schulmedizin verstanden werden und ersetzen nicht die ärztliche Meinung. Auch Hausmittel können Nebenwirkungen haben und sind nicht generell für jeden geeignet. Sprechen Sie deshalb vor der Anwendung mit Ihrem Arzt oder Apotheker. Bei akuten Beschwerden, die länger als eine Woche andauern oder periodisch wiederkehren, wird die Rücksprache mit einem Arzt empfohlen.

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